Kamasutra – Die Verse des Verlangens

Wer hat das Wort Kamasutra noch nicht gehört. Allgemein wird Kamasutra als die indische Kunst der körperlichen Liebe erklärt. Vor allem sind die verschiedenen Bilder mit ihren erotischen Bezeichnungen bekannt. Doch Kamasutra ist mehr als nur ein schlüpfriges Sexhandbuch es ist Philosophie und fernöstliche Lebensweise, es ist Liebe und Zuneigung, Beziehungsratgeber und Handbuch für ein harmonisches Miteinander. Wer in dem Kamasutra nur nach Stellungen sucht, der wird enttäuscht werden – wer aber ein interessantes und spannendes, philosophisches und geistig hochwertiges Werk möchte – der sollte sich mit dem Buch näher beschäftigen. Hier folgt ein kurzer Einblick:

Tradition der Kamashastra Texte

Es hat wie gesagt seinen Ursprung im indischen Raum. Übersetzt heißt Kamasutra Verse des Verlangens. Der Text diese Buches wurde im Sanskrit geschrieben. Es ist nicht nur ein einfaches Lehr- und Bilderbuch der Erotik wie es immer beschrieben wird. Geschrieben wurde das Kamasutra etwa zwischen 200 und 300 nach Christi Geburt. Vom Autor ist nichts weiteres bekannt, aber es wird vermutet, dass Vatsyayana Mallanaga der Verfasser ist. Der vollständige Titel dieses Werkes lautet Vatsyayana Kamasutra. Es ist in der Tradition der Kamashastra Texte verfasst. Das Kamasutra zählt zu den einflussreichsten Texten in der Kulturgeschichte der Welt mit dem Thema der erotischen Liebe.

Die erste bekannte Übersetzung des Werkes aus dem Sanskrit ist die 1884 erschienene Fassung von Richard Francis Burton. Allerdings wurde diese Übersetzung eher als eine Sammlung schlüpfriger Sexualpraktiken und Bilder angesehen. Auch die im Kamasutra vorkommenden homosexuellen Praktiken und Beschreibungen wurden bei der Übersetzung einfach weggelassen. In der indischen Lebensart beziehungsweise Mentalität wird das Kamasutra ganz anders als im europäischen Raum verstanden. Die indische Kultur ist in festen Ordnungen definiert und geprägt. Jede Kaste hat ihre eigenen sozialen Regeln, die vorgeben was erlaubt ist und nicht erlaubt ist. In diesem System gibt es daher keinen Handlungsspielraum und auch kleinste Abweichungen werden nicht geduldet und bestraft oder mit Sanktionen geahndet. Allen Kasten voraus ist das patriarchale System mit einer heterosexistischen Ordnung. Diese von alt her bestehende Ordnung kam an den Orten ins wanken, an denen das Kamasutra entstand und aufkam. Dieses Buch sollte in der indischen Kultur als Anleitung verstanden werden in der ethischen Lebenskunst wie auch die erotischen Kunst. Das Kamasutra stellt in leicht verständlicher und poetischer Art Techniken und Stellungen im Geschlechtsverkehr dar. Dazu gehören auch homosexuelle Handlungen und Techniken, diese haben aber eine untergeordnete Rolle gegenüber der Heterosexualität. Im Kamasutra und im Kastensystem sind viele Dinge wie erwähnt streng geordnet und reglementiert. Darunter fallen die Wahl des Partners, die Machtverhältnisse in der Ehe aber auch Prostitution und Ehebruch. Selbst die Benutzung von Drogen wird behandelt. Ein weiteres Gebiet in diesem Werk ist das Beschreiben der Schlagarten im im Liebesspiel. Es gibt vier Arten die nur an bestimmten Zonen des Körpers angewendet werden dürfen. Doch das Kamasutra gibt auch vor das beide Partner einverstanden sein müssen. In diesem Bezug ist das Kamasutra wahrscheinlich das älteste Werk mit schriftlichen Anleitung über SM- Praktiken und deren Sicherheitsregeln. Außerdem stellt diese Werk eine Art Rebellion gegen das strenge System der Kasten und der indische Kultur dar.

Im Hinduismus gibt es vier Ziele die ein Mensch anstreben sollte. Diese sind Artha, Kama, Dharma und Moksha. Artha ist das Streben nach Wohlstand und Erfolg, Kama ist das Zusammenspiel von Lust, Sexualität und Genuss des Lebens, Dharma ist Moral, Tugend , kosmisches und soziales Gesetz. Moksha ist das mit der Erlösung das höchste Ziel. Jeder Mensch hat nach dem alten indischen Glauben das Bestreben in seinem Leben drei Güter zu erwerben. Die Güter sind in aufsteigender Reihe wie schon gesagt Kama, Artha und Dharma. Wichtig ist, dass ein niederes Gut nicht den Erhalt eines höheren Gutes stören oder verhindern darf. Auch war die Religion dem Menschen vorangestellt, sodass der Mensch nur wenig galt. Das Kamasutra regelt nun auf einer Art Persiflage in dem strengen System nicht nur die Erotik ohne das der Ruf geschädigt wird, sondern ist auch wie gesagt eine Art Rebellion gegen das Regelwerk der alten Schriften. Um so interessanter ist es,das dieses Werk in höheren Kasten oder anders gesagt im höfischen Umfeld entstand. Kama, nicht zu verwechseln mit Karma ist ein unreines Wort. Übersetz bedeutet es soviel wie Verlangen. Doch damit ist nicht nur Lust und Begierde gemeint, sondern auch beispielsweise das Knurren des Magens. Sutra oder vielmehr die Sutras sind Lehrtexte die durch Versform vermittelt werden. Sie sind ein Anker der indischen Kultur. Dadurch das man die Worte Kama und Sutra zum Kamasutra verband, sollte dieses Werk auf dieselbe Ebene gehoben werden wie die alten Gelehrtentexte der Sutras. Inzwischen hat das Kamasutra auch andere Auslegungen erhalte als die Erotische. So wird sie auch als Ressource für die Art und Weise des Managements angesehen. Für Führungskräfte stellt sie außerdem einen Ursprung in der persönlichen Ethik dar.

Eine der Gründe warum dieses Werk eher als Anleitung zum Sex angesehen wird liegt darin, das die Verse in Sanskrit in der Übersetzung , auch in deutsch, schlecht zu verkaufen sind. Daher haben die Verleger und Verlage mit der Zeit zahlreiche erotische Bilder und Abbildungen mit eingefügt. Schließlich bestand dieses Buch aus Abbildungen, Skizzen und Zeichnungen. Diesen wurden dann nur die Namen beigefügt und der Rest der Verse wurde weggelassen. Wie im Text schon erwähnt sollte die höfische Doppelmoral dargestellt werden. Auch die Pandits sollten durch die Klarstellung ihrer Scheinheiligkeit bloß gestellt werden.
Das Kamasutra in seiner Ursprungsform ist weit mehr als das heute bekannte. Hier werden Fragen des menschlichen Verhaltens behandelt und zwischenmenschliche Beziehungen. So gibt es Antwort auf die Art und Weise wie man sich sich seiner Herzensdame nähern kann. Auch profane Fragen werden beantworte wie zum Beispiel was zu tun ist wenn kein Geld vorhanden ist und ähnliches.

Gehen wir auf das Liebesspiel ein. Die Partner sollen beim Vorspiel alle fünf Sinne einsetzen. Diese Sinne sind sehen, hören, riechen, fühlen, schmecken. So kann man beispielsweise einen Raum mit Düften, Räuchekerzen oder Parfums eine sinnliche Note geben. Auch ein mildes Licht oder Kerzen, eventuell ein Kamin lassen die Umgebung weich und sanft erscheinen. Die dazu passende Musik geben dem ganzen einen verzaubernden Flair, in dem man sich langsam gern fallen lässt. Auch schöne Bettwäsche und entsprechende Kleidung können die Stimmung positiv beeinflussen. So kann ein romantischer Abend durchaus mit einem Essen beginnen. Das Kamasutra gibt sehr genau aber auch sehr poetisch Hilfestellung in diesem Sinnespiel.

Die Stellungen die in diesem Werk abgebildet sind erfordern teilweise eine große Gelenkigkeit und zum anderen auch ein gewisses Maß an Übung. Deshalb sollten Menschen die die Techniken nachvollziehen wollen es langsam und vorsichtig angehen um keine Verletzungen zu riskieren. Eines der Leitlinien des Kamasutra ist der Genuss. Deshalb das langsame Vorgehen, denn wenn es unangenehm oder verkrampft ist kann kein Genuss entstehen. Dafür steht Kama = sinnlicher Genuss.
Ein etwas anderer Genuss ist das Spiel mit den vier Arten von Schlägen. So beschreibt das Kamasutra wie die Schläge auszuführen sind und welche Körperzone wie behandelt und sanft gereizt werden darf um die Lust zu steigern und die Partner zu erregen. Zeichen hierfür sollen lustvolle Laute sein die der so gereizte Partner von sich zu gibt aber nicht mehr. Aber es wird auch deutlich klar gestellt, dass beide als Partner in gegenseitiger Achtung dies wollen. Damit eine einseitige Dominanz unterbunden im Gegensatz zu den SM- Praktiken wo diese Rollenverteilung zwischen Sklaven und Herrn erwünscht ist. Trotzdem gilt das Kamasutra als eine der ältesten Wurzeln des Sado- Masochismus und deren Maßnahmen zur Sicherheit. Bei dieser Art von einem durchaus sinnlichen Liebesspiel ist es wichtig , dass sich beide Partner voll und ganz vertrauen und nicht die Angst besteht, dass Grenzen überschritten werden. Insbesondere Frauen sind von dieser Art Spiel nicht immer angetan und deshalb soll daher das gegenseitige Einverständnis unbedingt bestehen.

Allgemein gesagt beschäftigt sich das Kamasutra wie erwähnt mit den Sinnen aber auch mit den körperlichen Dingen wie die des Umarmens, Küssen und den Koitus. Heute ist der Genuss der körperlichen und sinnlichen Liebe der Hauptteil des Kamasutra. Hierbei kommt es darauf an welche Charaktere oder Persönlichkeiten sich vereinen um in diesen Genuss zu kommen. Dazu werden Männer und Frauen in verschiedene Tiere eingeteilt. So sind Männer Hasen, Stiere oder Hengste und Frauen in Gazellen, Stuten oder Elefantenkühe. Diese Unterteilung richtet sich nach der Form und Größe der Geschlechtsorgane. Je nach dem welche dieser Teile sich kombinieren gibt es mehr oder weniger Genuss beim Liebesspiel. So sollen Hase und Gazelle ideal sein während Hase und Elefantenkuh weniger gut zu kombinieren sind. Eine andere Art der Unterteilung besteht darin, wer den aktiven und den passiven Part übernimmt. Dies soll aber nicht bedeuten, dass einer teilnahmslos daliegt, sondern es sollen sich Aktiv und Passiv miteinander ergänzen. Für den Mann gilt es während des Aktes die Frau zu befriedigen. In der Philosophie des Kamasutra steht Ziel im Vordergrund die Lust und deren Empfinden zu steigern. Auch die westliche Welt hat diese Philosophie für sich entdeckt. Es wird mit den Sinnen genossen verführt und gespürt im Gegensatz zum üblichen fünf Minuten Sex. Es ist ein Suchen und Herausfinden des Körpers, ein Ahnen seiner Bedürfnisse. Es geht um Zärtlichkeit, Zusammensein um gemeinsam das Glück zu erleben. Nicht der Sex steht im Vordergrund des Kamasutra sondern der Spaß am Ausprobieren ohne irgendwelche Kunststücke oder Akrobatik.

Wer die Philosophie hinter dem Kamasutra sieht, für den verliert dieses Werk an Schlüpfrigkeit. Es ist nicht nur ein Erforschen der Erotik oder sexueller Praktiken. Das Kamasutra ist vielmehr eine Art Leitfaden für das Leben und wie auch alltägliche Situationen zu meistern sind.